Philosophischer Gesprächskreis
Diskussion zum Maß des Menschen I

Leo Allmann - Maß und Sinn


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Maß-Epochen

Die Philosophiegeschichte lässt sich in drei Denk-Epochen aufteilen, die sich dadurch unterscheiden, dass jeweils eine andere maßgebliche Sphäre angenommen wird. In der älteren Philosophie ist dies die Sphäre des Objekts, in der neueren die Sphäre des Subjekts und in der gegenwärtigen die Sphäre der Intersubjektivität.

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Maß-Optionen

Jeder "epochemachende" Gedanke, d.h. jeder grundlegende philosophische Entwurf, bleibt jedoch als Denk-Option im Gespräch. Es verhält sich hier sozusagen wie in der relativistischen Physik: Die zeitliche Abfolge ist bloß ein weiteres "Nebeneinander" im Ganzen der vierdimensionalen Raumzeit. Die Frage nach der maßgeblichen Sphäre ist nicht abschließend zu beantworten – sie ist heute offener denn je. Für jede Maß-Option lassen sich starke und "schwache" Argumente vorbringen.

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Begriff

Was kann für uns maßgeblicher sein als das, was wir begreifen? Nicht zufällig leitet sich "Begriff" von "Greifen", also von dem her, was wir tun, um eine Sache in die Hand zu bekommen, ihrer habhaft zu werden. Auf der geistigen Ebene entspricht diesem Habhaftwerden das Sinnverstehen, das Erfassen des Bedeutungsgehalts.

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Sinn und Bedeutung

In diesem Zusammenhang erscheint ein Hinweis auf den Logiker Gottlob Frege (1848-1925) angebracht. Frege führte am Beispiel des Planeten Venus eine Unterscheidung von "Sinn" und "Bedeutung" ein. Eine Zeitlang hielt man den Abendstern und den Morgenstern für zwei verschiedene Himmelskörper, bis es zu der Entdeckung kam, dass es sich in beiden Fällen um die Venus handelt. Daraus folgt in Freges Sprachgebrauch: Abendstern und Morgenstern haben zwar zweierlei Sinn (sprich: Wort-Sinn), aber dieselbe Bedeutung (sprich: Sach-Bezug). – Im folgenden wird, um unser eigenes Denken zu aktivieren, der "Sinn von Sinn" offengelassen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf das denkwürdige Verhältnis von Sinn und Maß.

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Sinnmitteilung

Unser Erkennen ist eine Tätigkeit, bei der sich Sinn mitteilt. Diese Charakterisierung ist vielleicht angemessener denn die geläufige Umschreibung als Subjekt-Objekt-Relation. Bei der Sinnmitteilung ist neben dem "erkennenden" Subjekt und dem "zu erkennenden" Objekt ein Drittes im Spiel: eben der "sich mitteilende" Sinn. Unter dieser Voraussetzung ist weder die Objekt- noch die Subjekt-Seite "herrschend", sprich: maßgebend.

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Ohne Kausalität

Eine Sinnmitteilung ist keine Kausalbeziehung: Keinem der Beteiligten wird etwas aufgezwungen, sondern beide "Partner" ("Subjekt" und "Objekt") werden zu Teilnehmern am umfassenden (d.h. nicht zu er-fassenden) Sinngeschehen, das jedem seinen Spielraum lässt. Vornehmlich wird in diesem Verständnis die menschliche Freiheit aufs Spiel gesetzt – aber das wird sie auch sonst, nur nicht so moderat.

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Ohne Zweckrationalität

So maßvoll die Sinnmitteilung – im Gegensatz zur Kausalität – auch ist, so wenig darf dieses Geschehen mit irgendeiner "Planerfüllung" gleichgesetzt werden. Sinnmitteilung ist charakteristisch für jede echte Begegnung, und echt kann diese nur sein, wenn nichts vorhersagbar oder gar berechenbar ist; derartige "Maßnahmen" sind der rein technischen Sphäre vorbehalten, in der alles auf zweckrationale Objektbeherrschung abgestellt ist.

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Auge und Sonne

"Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt‘ es nicht erblicken." Goethe hat sich mit dieser dichterischen Aussage wohl als wahlverwandt mit Protagoras "geoutet". Denn beide scheinen der Auffassung gewesen zu sein, dass der Mensch und die Dinge prinzipiell in einem durch und durch sinnvollen Bezug zueinander stehen, der nicht erst "konstruiert" zu werden braucht.

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Ich und Es

"Wo Es war, soll Ich werden." Freuds Motto ist ähnlich missverstanden worden wie der Spruch des Protagoras. Weder im einen noch im anderen Fall dürfte jedoch gemeint gewesen sein, dass der Mensch zu einer Willkürherrschaft über alles Andere (außer und in ihm) berufen oder berechtigt wäre. Vielmehr kommt es in beiden "Weisheiten" darauf an, dass sich der Mensch mit den Dingen (bzw. das Ich mit dem Es) so zusammengehörig erfährt, dass er der Gefahr einer katastrophalen Entzweiung nicht (mehr) erliegt.

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Seele und Welt

Nach Thomas von Aquin ist die Seele (im Sinne der verständigen Geistseele) die ganze Welt noch einmal. Dieser Grundsatz der "ewigen Philosophie (philosophia perennis)" steht Pate für den traditionellen Wahrheitsbegriff im Sinne der Adaequatio intellectus et rei (wörtlich: Angleichung von Verstand und Sache). Diese Definition ist weder subjekt- noch objektlastig, es sei denn, man unterstellt einen anthropomorphistisch verkürzten "Grund der Wahrheit". Diesem Reduktionismus können wir entgehen, wenn wir die maßgebende Sinndimension in ihrer Inkommensurabilität bedenken.