Zyklus Recht - gerecht - richtig (Januar bis Juli)
Die ersten Abende
eMail Teilnehmer
Weitere Abende (insgesamt elf)
Zyklus Das Maß des Menschen: Teil 1
Diskussionsverlauf
Auf eigenen Seiten:
Leo Allmann zum Thema
Leo Allmann zum Maß-Begriff
Leo Allmann - Das unbekannte Maß
Leo Allmann - Maß und Sinn
Teil 2 in 2001
Zum ersten großen Zyklusthema für das Jahr 2000
entschieden wir den Komplex um das RECHT. Dabei wollen beide Aspekte
- der des GERECHTEN ebenso wie der des RICHTIGEN - zu ihrem Recht
kommen
Sammlung zum Begriff:
Unterschiedung subjektive Vorstellung -
juristische Fassung
Begründung durch Gesellschaft (Antike)
versus Begründung durch Gott (Christentum)
Gesetz und Recht
voneinander trennen; auch Trennung: pragmatisch - moralisch (?),
gerecht richtig, legitim - legal
Gesetz:
'niedergeschriebenes Recht' (Machtattribut)
Begriff des positiven
Rechts
These: Ehemals Recht des Stärkeren, bis durch Gesetz
abgeändert (Gegenthese: Gelte doch auch heute noch Gesetz des
Stärkeren)
Suche nach 'Rechtsgrundlage' - Moderne
Rechtsprechung habe die Tendenz, daß es das Naturgesetz nicht
gebe
Braucht Robinson ein Rechtsverständnis?
Gesetze sind
Regeln, die eventuell insgesamt menschengemäß (-adäquat)
sind; Grundlage Gerechtigkeitsvorstellung (> Goldene Regel) Wie
entsteht Rechtsbewußtsein / Unrechtsbewußtsein? Beziehen
wir uns bezüglich 'Recht' auf etwas Absolutes? Wäre das
legitim?
Rechtsidee seit Aufklärung rational (bei
irrationaler Grundlage) / Hobbes Vertragsdenken, Freiheit wird
eingeschränkt ; daher Aufklärung: Freiheit in Recht
integrieren
Problematik: casuistisches Vorgehen / common sense
anglo-amerikanisches Rechtsverständnis)
Exkurs Gewissen
(historisiert versus sensibel): Rechtssinn, der besteht wie Augensinn
oder treffender Unrechtssinn (Assoziation Sokrates' Daimonium)
Woher kommt das Recht? - Wer nimmt sich (wie legitimiert) das
Recht, Recht zu begründen?
Rechtschaffende Subjekte: Der
Fürst legitimiert sich durch Gott; das Volk legitimiert sich
durch Freiheit (Epoche der Aufklärung)
Ungeschriebene Gesetze
(heute: Normen), die zur Identitätsbildung entscheidend
beitragen (die meisten werfen kein Altöl im Wald weg) - Heutiger
Gegenspieler: Wirtschaft (nur die?)
Mangelndes Unrechtsbewußtsein
und die Problematik 'ungerechter' Gesetze: Es werden Gesetze 'einfach
so' beiseite gelassen bzw. übertreten und es besteht ein
verbreitetes 'Bewußtsein' darüber, daß viele Gesetze
'unrechtmäßig' seien
Rechts- und Unrechtsbewußtsein
'willkürlich' tradiert (aber: was heißt eigentlich
Willkür?)
Problematik von Recht und Gerechtigkeit (jeder
Einzelfall ist doch anders)
These: Aufgabe des öffentlichen
Rechts: dort einschreiten, wo einer nicht vernunftgemäß
handelt
Bestreben, zu einem 'universalen' Recht zu gelangen
(Wertung anderer Rechtssysteme, Pochen auf Menschenrechtsdeklaration)
vs. Gesellschaften geben sich selbst Normen > In Dialog treten
über Rechtsbewußtsein
Unterscheidung: Sich wehren gegen
(Einfluß) andere(r) Rechtssysteme / andere zwingen, eigenes
Rechtsverständnis zu übernehmen
Was heißt 'Ich bin
im Recht'? Zwei Komponenten: Es ist richtig, was ich sage,
herausgefunden habe etc.; es ist gerecht (ich würde vor einem
Richter recht bekommen)
Edzar Reuter Zitat: Eigenwille grenzt ein, was jeweilige Mehrheit
in jeweiligem Moment als richtig befindet (>
Freiheitsbegriff)
Bspl. Delegierter, der andere Entscheidung
weiterträgt > Was ist richtig jenseits von
Recht?
Zustimmungsabhängigkeit von richtig und
recht?
Aufrichtigkeit: ohne Bezug durch anderen (innerer Dialog)
vs. Sokrates' Daimonium, das nur abrät
Stimmigkeit (z.B.
Praktikabilität; Ästhetik)
Modern Richtigkeit =
Konsequenz vs. Mit welchem Recht tust Du das? Entspricht: Aus welchem
Grund tust Du das? (Strukturverwandheit)
These: 'Richtig' ist eine
Idee (platonisch und ...)
Unterscheidung richtige Information -
richtige Entscheidung (künstlerische, religiöse):
begründet, begründend
Subjektiv richtig und objektiv
richtig als Unterscheidung sinnvoll?
Bedeutung der Richtigkeit
einer Entscheidung? (z.B. Verhalten in Unfallsituation)
Richtige Entscheidung: Bezüglich Einzel-Dasein, bzgl.
Verantwortlichkeit (Kriterium: erfolgreich?)
Heidegger Exkurs:
Schwere, die nötig ist > Sorge > rechte
Sorge
Entscheidungen nötig; machen Richtungen auf -
Interpretation von Welt immer schon vs. Bilder als Bilder nehmen
(Tschetschenien-Beispiel)
eMail eines TeilnehmersThese der gelernten Philosophen (so wie ich sie verstanden habe):
Es gibt RICHTIGKEIT als Struktur, abgesehen vom Inhalt des
"Richtigen", die Idee des Richtigen oder das Abstraktum
"richtig", im Sinne von ABSOLUT RICHTIG = kann nicht nicht
richtig sein. ("Sie können nur richtig entscheiden - denken
- glauben - ein Kunstwerk schaffen") UN-BEDINGTE RICHTIGKEIT,
nichts außerhalb oder innerhalb des denkenden oder handelnden
Subjektes gibt die Richtung vor. Beispiele: Glauben, Entscheiden,
Denken, ein Kunstwerk - können nicht anders als "richtig"
sein.
Meine These: Es gibt keine un-bedingte Richtigkeit. Glauben,
entscheiden, denken u handeln sind nur unter der Bedingung "richtig",
daß sie in der aktuellen Situation einem Inhalt, Ziel, einer
Richtlinie folgen. Ich kann gar nicht glauben ohne "etwas"
zu glauben und wenn ich etwas glaube, dann das in meinen Augen
"Richtige". Ich kann nicht entscheiden ohne ein Ziel im
Auge zu haben, wohin die Entscheidung führen soll (Will ich
nirgends ankommen, brauche ich mich nicht zu entscheiden, ob ich den
rechten Weg nehme oder den linken!) Erst ein Ziel gibt mir die
Richtung und macht die Entscheidung zur "richtigen"
Entscheidung. Auch das Denken kreist immer um "etwas".
Richtigkeit im Denken ist also auch bedingt durch das "Was"
des Gedankens. Ob Richtlinien von außen kommen oder ob der
"autonome" Mensch sie sich selber vorgibt (indem er
ZIELGERICHTET denkt oder handelt), ist hier nicht relevant. Er kann
die von außen aufgestellten Richtlinien, wie Gebote, Gesetze
oder Konventionen als Norm für sein Denken und Handeln nehmen.
Er kann sich selber ein Ziel, eine Idee oder eine Maxime setzen, nach
der er zu denken und zu handeln für richtig hält. In jedem
Fall ist die RICHTIGKEIT nichts Absolutes, sondern BEDINGT durch
Ziel, Norm, Maxime etc.
Synthese???
Horkheimer: "Es gibt
nichts Richtiges im Falschen" O.K.: Wenn ich in der "falschen"
Stadt, zB in Hamburg bin, kann es keinen "richtigen" Weg
zur Neuhauser Straße geben. Entscheide ich mich an der
Straßenkreuzung für rechts oder links oder gerade aus -
ich komme nie an mein Ziel - die Neuhauser Straße. Folge: Die
Aussage von W. von Berg "es gibt nur richtige Entscheidungen"
kann dann nicht richtig sein. RICHTIGKEIT HAT MIT WAHRHEIT
WAHRSCHEINICH NUR MANCHMAL ZU TUN.
Weitere Abende Frage nach dem Grund der Möglichkeit richtiger und falscher Entscheidung These: Welt erwartet permanent Anwendung von 'richtig' und 'falsch' vs. perspektivischer Begriff
Richtig in Konventions-Horizont contra Authentizität (Ding
mit dem Namen 'Baum' ist keine Konvention)
Gibt es eine Brücke
zwischen Strukturebene und inhaltlicher Konventionen-Ebene?
Beispiel:
'Survival of the Fittest'
Das Konventionelle ist das Aufweichen der Bestimmtheit des
Richtigen > Kritik an Richtigkeit als Einheitsdenken
Konstatierung
des Werteverfalls enthebt nicht der Verantwortung zur Frage: Was ist
für mich wertvoll?
Es ist unausweichlich, das zu tun, was man
für richtig hält > Orientierungssatz, der 'wie Fels in
der Brandung' steht > daraus folgt: Maßstab des Richtigen
ist das Tun (> Hauptsache, ich kann es bejahen)
Reflexion auf
Universalienstreit: Ist Folge der 'Historisierung der Begriffe'
nötig?
Gerechtigkeit - jedem das Seine zukommen lassen (röm.)
These:
Rechtssystem als Ausgleichsversuch zwischen Freiheit und Sicherheit
(als realen Bedürfnissen) - Gerechtigkeit dabei als Ideal
Frage
der Zusammengehörigkeit von Gerechtigkeit und
Gleichheit
Gerechtigkeit als Konvention / gewachsene Norm;
Gerechtigkeit als Postulat (im Sinne einer Ernsthaftigkeit)
Was
wird einem gerecht? Wer kann das beantworten? (Kann ich das überhaupt
für mich selbst beantworten?): Würde, Chancengleichheit,
Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, Freiheit
Gerechtigkeit
als 'Sachgemäßheit' (wie Bildhauer, der dem Material gemäß
das Werkzeug wählen muß), dabei nicht als statischer
Begriff
Schwerpunkt sodann historisch-politisch (Z.B. Kolonialismus; Schwarze in den USA)
Gerechtigkeit in Unterscheidung zwischen Legalität und
Legitimität
Gleichheitsanspruch als zentrales Element von
Gerechtigkeit?
In Realität äußerst schwer
durchzusetzen; in Bezug auf besonderen Fall zu
interpretieren
Gerechtigkeit als Forderung, die einen Maßstab
braucht (in sozialen Zusammenhängen bietet sich da 'Gleichheit'
geradezu an); 'artgerecht' als Vorbild?
'Situationsgerechtigkeit' als These gegen die Gefahr á la
"Fahrenheit 451"
Gefühl der Gerechtigkeit doch aber
immer an der gleichen Stelle in mir
Ausgangspunkt stattdessen:
Abbau von Ungerechtigkeit (statt Durchsetzung von Gerechtigkeit);
Erleben von Ungerechtigkeit das Primäre; wo kommt das her? >
Reflexionsgefühl
Was macht es denn aus, daß etwas als
Ungerechtigkeit erlebt wird? - Psychologisch: Identifikation;
Wahrnehmung von Ungerechtigkeit ist nicht angeboren.
Zur Problematik Helmut Kohl: Ehrenwort versus Verfassung
Was
meint eigentlich 'Ehrenwort'? Endet es an Schranke der Gesetze?
Welchen Respekt schulde ich einem Gemeinwesen, von dem ich meine
Freiheitsrechte beziehe?
Konflikt: 'Privates Wort' versus
öffentliche Anforderungen. Wieviel ist Wort wert, das aufgrund
unrechtmäßiger Handlung gegeben wird? > Ist
nichtig.
Innerer Widerspruch: Hat zweimal Wort gegeben und diese
widersprechen sich. Zwei-Ebenen-Modell: In dem Amt, das begann und
endete, das eine Wort gegeben; als Mensch das andere
(widersprüchliche) Wort. Hierarchie, in der er sich entschieden
hat.
Gegenposition: Hat vorher Eid geschworen; hat Ehrenwort in
seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender / Bundeskanzler gegeben.
Widerspricht der hochgehaltenenen Ehre, daß es überhaupt
soweit kam.
Begriff der Ehre heute als 'Fair Play' (das ist die
Spielregel). Hier: Doppeltes Spiel.
Differenzierung: Ehre eher
monologischer, Fair Play eher dialogischer Begriff. Ehre als Feld der
außergesetzlichen Moral.
These vom 'Drama'
(allgemeinmenschlich), in dem Kohl tragisch scheitert. Gefahr der
Heldenstilisierung hierdurch.
Was bedeutet das für uns?
Können wir aus diesem (ungemäßen) Scheitern das
Richtige lernen?
Das Maß des MenschenHallo Wolfram!
Nach zweimaligem Überschlafen erscheint mir die Formulierung DER GEMACHTE MENSCH besonders griffig und trächtig. Hier ein paar Anknüpfungsmöglichkeiten:
HOMO FABER: Akzentverschiebung vom machenden zum gemachten Menschen. Dazu analog: "Mensch ALS Maß ..." tritt in den Hintergrund gegenüber "Mensch NACH Maß".
DER GEMACHTE MANN: Eine gängige Redewendung, z.B. auf Bill Gates zutreffend, bekommt durch den Austausch von "Mann" durch "Mensch" weitere Dimensionen.
MACHT: Unser ehemaliges Thema kann insofern wieder ausgekramt werden, als "Macht" und "Machen" eigentümlich sinnverschieden UND zusamnmenhängend sind.
SLOTERDIJK: Dem in der Elmauer Rede betonten Umstand, dass Menschenführung und Humangenetik zum selben "anthropotechnischen" Projekt gehören, trägt "der gemachte Mensch" ebenso Rechnung wie der Ausdruck "Menschenpark".
Gruß Leo
Seit dem Herbst 2000 beschäftigen wir uns mit Aspekten des menschlichen
Selbstverständnisses, wie sie sich z.B.
aufgrund der Neuen Technischen Möglichkeiten für
menschliche Zukunft regeben:
Das Maß des Menschen
lautet (in Anlehnung an Protagoras) unser Ausgangspunkt. Die
Diskussion wird sich im weiteren bewegen zwischen den Fragen: Welchen Menschen
brauchen die Menschen? Welchen Menschen lassen wir noch zu? Machen
Menschen Menschen? Ist der artgerechte Mensch ein akzeptables Ziel?
DiskussionsverlaufIst nicht die menschliche Selbst-Positionierung zu überheblich?
Hat nicht z.B. Nietzsche recht, wenn er die Mächtigkeit des
Körpers gegenüber dem Geist herausstellt? Ist die sapientia
(des homo sapiens) eine Fehlfunktion?
Oder steht der Mensch an
erster Stelle, weil er sich das Problematischste ist? Macht nicht die
spaientia die entscheidende Bereicherung aus? Ergibt sich vielleicht
die Komplexität des Physiologischen aus der Komplexität des
(den Körper untersuchenden) Geistes? Sollte man nicht dem Geist
als 'Nesthäkchen' der Evolution seine Fehlversuche und Chancen
einräumen? Oder ist der Geist gar nicht das jüngste Produkt
der Evolution, sondern das Älteste, weil er der 'Urheber der
Vorgeschichte' ist?
Ist nicht jegliche Frage nach dem Maß
eine implizit ethische, und wir sollten deshalb nach dem Apriori von
Gut und Böse fragen?
Fundamental ist zwischen zwei Aspekten der Fragestellung zu unterscheiden: Dem Maß, das der Mensch anlegt (Mensch ist Subjekt), und dem Maß, das den Menschen bestimmt (Mensch ist Objekt).
Das wesentliche Augenmerk soll auf die Frage nach dem Maß,
das den Menschen bestimmt, gelegt werden.
Zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Protagoras-Fragment: "Der Mensch ist das
Maß aller Dinge; der Seienden, daß sie sind, der
Nichtseienden, daß sie nicht sind."
Sodann eine
Auseiandersetzung mit verschiedenen Maßen, wie sie typisch als
Antworten auf unsere Fragestellung gegeben werden; das Maß, das
den Menschen bestimmt, findet sich:
- in Gott; - im menschlichen
Geist; - in der Natur (oder darin, wie der Mensch mit der Natur
umgeht); - im Anthropozentrismus (bezüglich einer Menschheit
oder bezüglich des Individuums); - in einer Struktur.
Die Fragestellung nach den jeweils daraus erwachsenden, damit verbundenen Handlungsanweisungen, nach den Kriterien von Gut und Böse und nach Nützlichkeitsbewertungen soll jeweils im Zusammenhang des maßgebenden Aspekts miterörtert werden.
Dieses Fragment - es steht am Anfang von Protagoras' ansonsten nicht überlieferter Abhandlung mit dem Titel "Aletheia" (Wahrheit, im Sinne von Unverborgenheit) - sollte uns nicht so sehr im Versuch eines protagoreischen Nachvollzugs beschäftigen, sondern wir wollten der Frage nachgehen, was dieser Satz für uns an Reichhaltigkeit oder Enge, an Adäquatheit oder Inadäquatheit bezüglich einer Aussage über den Menschen und seine Stellung in der Welt bietet.
Es scheint, daß der Mensch mit diesem Satz in eine besondere
Subjektrolle gehoben wird (vor allem als jeweiliges Individuum), vor
allem in dem Verständnis des Maßes als Maßstab.
Jedoch müßte der Satz sodann eher umgekehrt lauten: Der
Mensch ist das Maß aller Dinge; der Nichtseienden, daß
sie sind, der Seienden, daß sie nicht sind. Denn in der
(arroganten?) Subjektrolle hebt der Mensch die Dinge sie messend erst
in ihr Sein.
Diese Subjektrolle verweist aber auch auf die
Beschränktheit des Menschen - wenn man beachtet, wie beliebig
und damit den Dingen fernbleibend solches Messen ist. Ob diese
Beschränktheit positiv oder negativ zu verstehen ist, zwingt der
Satz uns nicht auf. Was aber ist das Maß oder der Maßstab
für eine solche Aussage.
Wir versuchten, den Satz zu 'übersetzen', alternative
Formulierungen für das 'Maß' zu finden. Neben der
Akzentuierung als 'Maßstab' diskutierten wir:
- der Mensch
ist der Vorsteller ...
- der Mensch ist der Richter ..., der
Definierer ...
- der Mensch ist der Existenzgeber ...
- der Mensch ist der Beleger der Dinge mit Attributen
- es ist
der Mensch, der alle Dinge mißt
- der Mensch ist der Interpret ... (im Sinne einer produktiven
Leistung, die aber nicht die Dinge produziert, sondern eine Art
Innenverhältnis)
- der Mensch ist der Werter, der Bewerter,
der Beurteiler ...
- der Mensch ist für den Menschen das Maß
aller Dinge
Der zweite Teil des Satzes diskutierten wir in Hinblick darauf, ob
hier eine Polarität zwischen Sein und Nichtsein angesprochen
wäre, oder aber, ob mit dieser Formulierung gemeint ist, das der
erste Teil des Satzes in ganz umfassendem Sinne gelten soll.
In
diesem Zusammenhang wurde auf ein alternatives Verständnis des
Maßes; nicht als Längenmaß wie 'Maßstab',
sondern als Volumenmaß, hingewiesen. Der Satz sagt nicht aus,
'wie voll das Maß ist'. Hier wäre eine Entsprechung
ausgesagt, die Dinge sind dem Menschen nicht verschlossen.
Dennoch
sagt der Satz nichts empirisches aus, gibt eher Antwort auf die
Frage: Was ist der Grund der Möglichkeit von Empirie überhaupt?
Schließlich wurde darauf hingewiesen, daß wir in der Auseinandersetzung zumeist das 'ist' des Maßes durch ein Tun stillschweigend ersetzten, was dem Verständnis wohl nicht angemessen sei. Im Verständnishorizont des 'Volumenmaßes' wäre der Zusatz zu dem Postulat 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge' in Form von z.B. 'Gott ist das Maß aller Dinge' nicht zwingend ein logischer Widerspruch.
Die weitere Diskussion sollte uns eine Arbeitsgrundlage liefern für die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Maß-Setzungen. Weitgehend akzeptiert wurde diese Grundlage in der Interpretation des Protagoras-Satzes, daß das jeweilige Individuum (die Person) als der Maßgeber zu verstehen sei (gemäß einer historischen Entwicklung des Verständnisses von 'Mensch' als Gattungsbegriff hin zum Verständnis als je einzelner konkreter Mensch; die Interpretation des 'Maßes' stabilisierte sich bei 'Kriterium'. Dabei drängte sich jedoch sogleich die Frage auf, wie wir denn vom Subjekt zur Intersubjektivität gelangen können gerade auch im Sinne der Frage, wie ich aus dem Absoluten solcher Maßsetzung herauskomme. Die Frage aber auch, ob und wie es denn überindividuelle Maßgeber (z.B. Ärzte) geben kann, muß uns noch weiter beschäftigen.
Ist das 'Maß des
Menschen' zu verstehen
wie: Das Maß der Zeit, das Maß der Länge, das Maß
der Kosten; gibt es ein Anthropometer? Stehen hier evtl. die
Dimensionen von Raum und Zeit und auch das Körperliche im
Vordergrund? Eher scheint es so, daß es ein Anthropometer nicht
gibt.
Ist das 'Maß
suchen' oder auch das 'Maß haben' in der Natur des Menschen
angelegt? Problematisch ist, ob in diesem Zusammenhang die Frage nach
der 'Natur des Menschen' der adäquate Ansatz ist: Für das
Menschsein scheint zu gelten, daß 'nichts zum Maßnehmen
zu haben' bedeutet, in bodenlose Angst zu fallen.
Dennoch scheint
es sich auch so zu verhalten, daß das Maßnehmen in bezug
auf die Dinge nicht wirklich adäquat gelingt. Die These wird
aufgestellt, daß das Inkommensurable (das nicht exakt mit einer
Meßeinheit vergleichbare, also das 'Unvergleichliche') als
Inkommensurables das Maß des Menschen sei.
So sie auch
zwischen zwei Weisen der Variabilität zu unterscheiden: Der
Variabilität der Forschung, die in stückchenweisem Vorgehen
'immer weiter' geht, und der Variabilität des Maßes des
Menschen, das nicht Fels in der Brandung sondern Brandung sei. In
dieser Unterscheidung führe Forschung immer weiter weg vom
Ursprung, die Frage nach dem 'Maß des Menschen' aber immer mehr
zum Ursprung. Solches 'Denken zum Ursprung' findet sich in unserer
philosophischen Gegenwart wohl nur in der 'ontologischen Differenz'.
Gibt es also zu unserer
'Arbeitsgrundlage' des Verständnisses des Portagoras-Satzes
daß der jeweils einzelne Mensch das Maß der Dinge sei
eine Alternative?
Solche kann gesucht werden in Reflexion auf die
Alten, z.B. die Ideenlehre des Platon, wo nicht der diesseitige
Mensch der Maßgeber ist, sondern sich eines 'vorgegebenen
Maßes', der Ideen, bedient; also in der Kulturepoche der
Objektivität. Oder sie kann gesucht werden in der
'heraufziehenden' Epoche der Intersubjektivität, wo zumindest
der Subjektbegriff verändert ist, Sensibilität für
Pluralität und Offenheit für Begegnung geschieht.
Sie
kann auch darin gesehen werden, daß mit dem Protagoras-Satz
eine Gemäßheit, eine Entsprechung des Menschen zu den
Dingen (und umgekehrt) ausgesagt ist. Die Alternative lautet dann
lediglich: Ja, es gibt eine. Der Mensch gesteht, daß er
lediglich ein Maßnehmer, nicht aber der Maßgeber ist. Die
weitere Frage nach dem Maßgeber geht dann aber über den
Befund als solchen hinaus in den Bereich der Weltanschauungen (dieses
Maß ist Gott, ein Naturprozeß etc.). So muß immer
ein Maß angelegt werden, das Messen immer glücken,
wenngleich es doch maßgeblich scheitert.
Schließlich beschäftigte uns die Frage nach einer Möglichkeit von verbindlichem Maß ohne Herrschaftsaspekte: Könnte dies vergleichbar der Stimmung eines Instrumentes in sich, wo kein Ton die Vorherrschaft besitzt, zu verstehen sein?