Hier geben wir allen, die ein Buch mit philosophischem Horizont so begeistert gelesen haben, daß sie es anderen weiterempfehlen möchten, die Gelegenheit, ihre Eindrücke in einigen Zeilen mitzuteilen.
Die hier veröffentlichten Meinungen beziehen sich weder auf die Arbeitsschwerpunkte des Vereins noch geben sie Vereinsmeinung wieder.
"Der Golem der Forschung" und "Der Golem der Technik"
"Auf der Suche nach dem Stein der Weisen"
"Newtons Koffer" und
"Irrtümer der Wissenschaft"
Ein Hörbuch (Doppel-CD) "Was soll ich tun? - Kants Moralphilosophie"
Leben lernen
Die Wortmagierin des Dennoch
Harry Collins und Trevor PinchBeide: Berlin Verlag, Berlin 2000
Harry Collins ist Wissenschaftssoziologe an der Cardiff
University
Trevor Pinch ist Professor für Wissenschafts- und
Technologiegeschichte an der Cornell University
Spätestens seit dem Film 'Der Golem', der in den frühen
20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand, wissen
interessierte Mitbürger - auch die, die nicht so vertraut mit
der jüdischen Mystik sind - wer oder besser was sich hinter
diesem Namen verbirgt: Ein von Menschenhand geschaffener, gutmütiger,
kraftvoller und hilfsbereiter menschenähnlicher Koloss, der
jedoch auf sich allein gestellt, aufgrund seiner begrenzten geistigen
Fähigkeiten außer Kontrolle geraten und gefährlich
werden kann. Aus dieser Definition heraus spannen die Autoren einen
Bogen zu Wissenschaft und Technik der Gegenwart.
Im ersten Band
wird das Bild korrigiert das die Wissenschaft in ziemlicher
Selbstüberschätzung von sich selbst gemalt hat. Hierzu
dienen einige Beispiele aus der Grundlagenforschung.
Im Folgeband
wird die Technologie-Gläubigkeit in Frage gestellt. Zu einigen
Fallbeispielen aus der jüngsten Vergangenheit, deren offizielle
Darstellung jeder Interessierte in der Medienberichterstattung
verfolgen konnte, liefern die Autoren Hintergrundmaterial, das
aufzeigt, wie militärischer Zweckoptimismus, wirtschaftlicher
Druck oder die Arroganz von Wissenschaftlern die Darstellung
technologischer Abläufe und ihre Zusammenhänge bis zur
Verfälschung nachteilig beeinflussen können.
Die
positive Botschaft der Golem-Bände, die die Autoren vermitteln
wollen ist, dem Leser vor Augen zu führen, dass die auftretenden
Probleme bei Forschung und angewandten Wissenschaften wesentlich
komplizierter und vieldeutiger sind als es uns die Medien vermitteln.
Die Erkenntnis dass in Wissenschaft und Technik salopp
ausgedrückt auch nur mit Wasser gekocht wird, hilft
meiner Meinung nach eine weit um sich greifende Technikfeindlichkeit
in der Öffentlichkeit abzubauen.
Von: Alexander Berresheim
Hans-Werner SchüttVerlag C.H.Beck, München 2000
Hans-Werner Schütt ist Chemiker und Wissenschaftshistoriker, sowie Professor für Geschichte der exakten Wissenschaften und der Technik an der Technischen Universität Berlin.
"Quid est Alchymia?" "Was ist die Alchemie?"
fragt der Autor am Anfang seines Buches. Er macht erst gar nicht den
Versuch eine umfassende Antwort zu geben, weil das seiner Aussage
zufolge nicht möglich ist. Zu vielschichtig seien Quellen,
Aufgaben und Geistesströmungen gewesen die diese Wissenschaft
von Anbeginn an geformt und durchdrungen, sowie ihre Methodik und
Ziele bestimmt haben. Die historisch überschaubare Zeitspanne
ihrer Entwicklung reicht vom ptolemäischen Ägypten über
die hellenistische Epoche bis ins hohe Mittelalter, an dessen Ende
sie, also zu Beginn der Aufklärung, ihr esoterisches Gewand
abstreifte und mit den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen nahtlos in
die moderne Chemie überging. Unscharf, wenn nicht falsch ist
auch nach Meinung des Autors die Beschränkung ihrer Erklärung
auf die 'Goldmacherei' im Sinne von Gold als chemisches Element im
heutigen Sinne. Eine wesentliche Aufgabe bestand darin das Wesen der
Materie in ihrer vielfältigen Erscheinungsform zu erkunden. Eine
Vielzahl von Personenbeschreibungen berühmter Alchemistinnen und
Alchemisten samt ihrem Lebenswerk geben einen Einblick in das
philosophische und naturwissenschaftliche Selbstverständnis
dieser esoterischen Kunst. Der Autor versucht meiner Meinung
nach erfolgreich das Gestrüpp der üppigen Legenden
und verwirrenden Symbolik zu beseitigen um dem interessierten Leser
einen freien Blick auf den eigentlichen Kern dieser scheinbar
obskuren Wissenschaft zu ermöglichen. Hierbei habe ich es als
angenehm empfunden, dass überlieferte Fachausdrücke nicht
einfach durch moderne Begriffe übersetzt werden, da sich in
vielen Fällen deren Sinngehalt im Laufe der Zeit grundlegend
geändert hat. Vielmehr erklärt der Autor ausführlich
was man im damaligen Kontext darunter zu verstehen hat.
Das Buch
liest sich auch für den Nichtchemiker sehr spannend. Die
deutsche Ausgabe des 'Scientific American' schrieb: "Zum Thema
Alchemie gibt es derzeit nichts Besseres!"
Von: Alexander Berresheim
Federico Di TrocchioVerlag Campus 1998
Federico Di Trocchio ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität von Lecce
Verlag Gondrom 1998
Luc Bürgin ist freier Wissenschaftsautor
Beide Bücher erscheinen zu einem Zeitpunkt, zu dem in
betroffenen Fachkreisen die Praxis der Publikation von neuen Ideen
und Arbeitsergebnissen aus Forschung und Technik heftig diskutiert
und in Frage gestellt wird. Was, und ob überhaupt etwas
veröffentlicht wird entscheiden in den meisten Fällen
einige, wenige Redakteure von Fachzeitschriften, oder auch Behörden
in enger Verbundenheit mit ein paar selbsternannten Autoritäten.
Sogar gesicherte neue Erkenntnisse werden unterdrückt wenn sie
der überholten Überzeugung einflussreicher Hochschullehrer
entgegenstehen. In der Forschung hat das eine lange Tradition und
einschlägige Beispiele sind Legion.
Der Autor des ersten
Buches beschreibt einige eklatante Fälle, ohne den Anspruch auf
Vollständigkeit, von Kolumbus und Kepler bis in die Neuzeit.
Das zweite Buch wendet sich mehr den angewandten Wissenschaften
zu, wo weniger die persönlichen Befindlichkeiten Einzelner, als
vielmehr wirtschaftlicher Druck oder die Reputation von Konzernen im
Vordergrund der Einflussnahme stehen. Aber auch hier wird deutlich
wie sehr die Richtung und Geschwindigkeit einer technologischen
Entwicklung von einigen, wenigen Menschen bestimmt werden kann.
Wer
sich an einer Diskussion über den Sinn und das Wesen des
Fortschritts beteiligen will sollte beide Bücher gelesen haben.
Von: Alexander Berresheim
Matthias Katzer'auditorium-maximum'-Verlag
Zu den angenehmen Seiten
einer längeren Bahnfahrt gehört ihr meditativer,
nachdenklich stimmender, die umtriebige Alltagswelt
an-sich-vorbei-ziehen lassender Charakter, der die innere
Achtsamkeit des Reisenden wie von selbst auf philosophische
Reflexionen lenkt. Kürzlich hatte ich dabei die Möglichkeit,
während der physikalischen auch auf eine solche geistige
Reise zu gehen und in ein neu erschienenes Philosophie-Hörbuch
des 'auditorium maximum'-Verlags zu Immanuel
Kants Moralphilosophie zu lauschen.
Schon nach wenigen
Hör-Minuten wird klar, dass diese Doppel-CD mehr ist als ein
rezitatives Sammelsurium Kant'scher Werke und stattdessen in einer
durchdachten redaktionellen Aufbereitung die Genealogie und
vertiefte Ausarbeitung seiner Ideen in einen dialektischen Diskurs
mit anderen Anschauungen und Weltinterpretationen gestellt wird.
So etwa die heute wieder hochaktuelle Auseinandersetzung Kants mit
der empiristischen Erkenntnistheorie David
Humes zum Großthema 'Freier Wille' - das sinnlich
determinierte "Selbst" und "Ich" vs. der
jedemmenschenmöglichen Wahlfreiheit durch rationale
Erkenntnis, das Verhältnis von Begrenzung und Freiheit
zwischen den Polen des Gefühls und der Vernunft.
Dabei kommen auch geistesverwandte und kritische
Stimmen aus dem 'Off' von Nietzsche, Rousseau, Schiller und Thomas
Mann in Form von Rollenspielen verschiedener Sprecher zu Wort, die
Erzählerin Miriam Schriewer gibt gar ein 'von außen'
kommentierendes Marswesen.
Doch in den zweieinhalb Stunden
Hörgenuss geht es nicht nur um die Wirkungsmacht Kants auf
die Ideale der Aufklärung und des Humanismus, sondern ganz
konkret um die Möglichkeiten, die uns sein Freiheitsbegriff
als Denk- und Handlungsoptionen heute bietet: Es geht um das "Was
soll ich tun?" und die Fragen nach ethischen
Verbindlichkeiten im 'realen Leben', wofür der 'Kategorische
Imperativ' immer noch plausible Antworten liefern kann.
Der
weitgehende Verzicht auf Philosophie-Insider-Fachjargon macht
diese Produktion auch für 'Einsteiger' gut zugänglich
und natürlich muss man kein Bahnticket zum Anhören und
Mitdenken lösen - zum Kaffee-Klatsch nebenher passt's aber
leider nicht.
Sehr hörerfreundlich ist auch die
Unterteilung der CD in einzelne "Songs", die am Ende
jeweils mit einer Klavierminiatur von Gary Lamb ausklingen.
Hörproben aus dieser Doppel-CD und weitere
Philo-Hörbücher (Schopenhauer, Parmenides, Aristoteles,
Nietzsche u.A.) finden Sie nebst direkter Bestellmöglichkeit
auf der Website des rührigen und engagierten 'auditorium-maximum'-Verlag.
Von: Werner Friebel
Luc FerryKunstmann Verlag, 318 Seiten
Ne, trotz des verdächtigen Titels kommt dieses philosophische
'Survival-Kit' nicht aus der Ratgeberecke der unterkomplexen
Weltanschauungen leicht konsumierbarer Sinnerklärer, sondern ist
ein geistreicher und meiner Meinung nach gelungener Versuch, jedem
philosophisch interessierten 'Einsteiger', vor Allem Jugendlichen,
Freude an der Selbstreflexion und erweitertem Denken zu vermitteln.
Dazu unternimmt der Autor Luc Ferry, vielfach preisgekrönt
und französischer Erziehungsminister von 2002-04, eine Exkursion
durch die Ideen- und Wirkungsgeschichte der (europäischen)
Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, wobei er neben die
historischen Rahmenbedingungen die Frage nach dem konkreten Nutzen
der jeweiligen Weltanschauungen in den Mittelpunkt stellt. Er
erläutert ausführlich, warum sich das metaphysische
Heilsversprechen des Christentums gegen das kosmologische griechische
Weltbild durchsetzen konnte; wie Aufklärung, Humanismus und die
Freiheitsvorstellungen von Descartes, Rousseau, Kant und Hegel die
moderne Philosophie begründeten, bevor deren Ideale in der
Dekonstruktion der Postmoderne, vor Allem durch Nietzsche,
hinterfragt und scheinbar den neuen Götzen von Materialismus,
Ich-Bezogenheit und Technokratie geopfert wurden.
Dabei
bleibt Ferry aber nicht stehen, sondern er schlägt einen Bogen
von Husserl über Heidegger in die Gegenwart, für die er
jenseits von Skeptizismus und Dogmen jeglicher Art einen neuen
Humanismus der liebenden Selbst- und Mitverantwortung fordert - weit
über den herrschenden oberflächlichen Pluralismus hinaus.
Als didaktischen 'Roten Faden' hat Ferry die "klassische"
Einteilung der Philosophie in "Theoria" (Erkennen der
Realtität), die "Ethik" (zwischenmenschliches
Verhalten und Gesetze) und die "Weisheit" (Suche nach dem
persönlichen Lebenssinn) gewählt, anhand derer er die
Zusammenhänge und Schlussfolgerungen der geistigen Prozesse
verdeutlicht und mit vielen Beispielen erhellt.
Natürlich
können auf gut dreihundert Buchseiten die komplexen
Verflechtungen der Geistesgeschichte nicht in aller Tiefe dargestellt
werden, mancher wichtige Denker, manche bereichernde Nebenströmung
muss sich mit einer kurzen Erwähnung begnügen, doch der
Einstieg zum Verständnis der Zusammenhänge gelingt Ferry
mit seiner gut verständlichen Schreibe, zumal er weitgehend ohne
akademisches Fachgedöns auskommt.
Seinen Lesern, denen
Ferry im dialogischen Duz-Ton vertraulich begegnet, macht er
jedenfalls klar, dass Philosophieren keine Zitate-Klopperei bedeutet,
sondern die Möglichkeit, ein reflekierendes Bewusstsein über
das Bewusstsein zu entwickeln und für jeden Denkenden auf die
Frage 'Was soll ich tun?' Antwortoptionen bereit hält.
Keine
"ex-und-hopp-Lektüre", sondern Anregung zu eigenem
kritischen Denken - fundiert und mit Schmackes.
"Leben
lernen: eine philosophische Gebrauchsanweisung" - von Luc Ferry
Von: Werner Friebel
Die Wortmagierin des Dennoch(Erstpublikation in Fixpoetry.com)
Hilde Domin – Andreas Felger.
Im Vorbeigehn. Lyrik und
Aquarelle
Präsenz Kunst & Buch Verlag, Hünfelden
2009.
64 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-87630-080-1
„Ein Gedicht ist ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser
für sich wieder ins Fließen, ins Hier und Jetzt bringt.“
Derart pointiert verteidigte die 2006 verstorbene Lyrikerin Hilde
Domin schon 1968 in dem Essay „Wozu Lyrik“ die Poesie
gegen ihre Widerredner. Und hielt sich selbst bis zu ihrem
Abschiedsband „Der Baum blüht trotzdem“, den die
zarte Wortmagierin noch voll auf der Höhe ihrer Kunst 1999 im
Alter von 90 Jahren veröffentlichte, an den damit
selbstgestellten Anspruch: Ein Dichter muss sein Erleben und sein
Leid mit Worten so gestalten, dass sich der Leser damit
identifizieren kann.
Das Schreiben aus Leiderfahrungen ist bei Hilde Domin authentisch,
musste sie doch als Jüdin und NS-Regimegegnerin bereits 1932 mit
ihrem späteren Mann, dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm,
Deutschland und ihr heimisches Köln verlassen, um via Italien
und England schließlich in die Dominikanischen Republik zu
emigrieren. Sie hatte Jura, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und
Philosophie (bei Karl Jaspers und Karl Mannheim) studiert und
arbeitete während der Exiljahre als Sprachlehrerin und
Übersetzerin, bevor sie 1954 unverbittert nach Deutschland
zurückkehrte und sich 1961 endgültig in Heidelberg
niederließ, weil sie immer am Glauben an die Möglichkeit
eines zivilisierten Deutschlands festgehalten hatte und sich in
diesem Sinn politisch in der SPD und als Vordenkerin der Grünen
engagierte.
Der literarische Durchbruch gelang ihr 1959 mit dem
bei S. Fischer erschienenen Gedichtband "Nur eine Rose als
Stütze", in dem sie das Vertrauen in die Literatur als
lebenshelfende Kraft mit virtuoser Schlichtheit in ein eindringliches
Bild setzte, von Walter Jens als die "Vollkommenheit im
Einfachen" gelobt.
Im Juli 2009 wäre die vielfach ausgezeichnete Dichterin 100 Jahre alt geworden und aus diesem Anlass wird sie mit Recht als eine der bedeutendsten deutschen Nachkriegsdichterinnen mit mehreren Publikationen gewürdigt. So zeigte der Kultursender 3sat im Mai 2009 die dokumentarische Hommage «Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin» von der fast 70 Jahre jüngeren Filmemacherin Anna Ditges, die damit ein intimes und glaubhaftes Lebens-Porträt der Lyrikerin zeichnete.
Für das literarische Portrait engagiert sich seit einiger
Zeit der Präsenz Kunst & Buch Verlag mit einer
Auswahlreihe aus Domins lyrischen Arbeiten, deren mittlerweile
dritter Band „Im Vorbeigehn“ nun vorliegt.
Der edle
haptische Eindruck des schmalen Hardcover wird beim ersten
Aufschlagen visuell noch verstärkt durch die hochwertig
gedruckten, abstrakt-assoziativen farbigen Aquarelle von Andreas
Felger, den mit Hilde Domin eine tiefe gegenseitige Bewunderung und
Freundschaft verband.
Eine ähnliche Nähe zu Domin hatte
auch ihre langjährige Assistentin Marion Tauschwitz, die in
ihrem Vorwort die Inspiration der Lyrikerin aus der Naturphilosophie
Spinozas betont, nach der der Mensch in eine kosmische Ordnung
gestellt ist, die Liebe und die Natur Spiegel für das Perpetuum
der Erneuerung sind und dass der Neuordner / in dir in mir /
fingernagelgroß schläft.
So befasst sich die „Dichterin der Rückkehr“, wie
der langjährige Freund Hans-Georg Gadamer sie einst nannte,
nicht nur mit dem Verlust essenziellen Lebensinhalts und dem Gewinn
des dadurch ermöglichten Neuen, sondern vor Allem mit der dem
Menschen innewohnenden Kraft zu einer aufrechten Haltung gegenüber
dem Schicksal, das es anzunehmen gilt mit dem Mut zur aktiven
Teilhabe: „Brenne / Wir sind Fackeln mein Bruder / Wir sind
Sterne / Wir sind Brennendes / Steigendes / Oder wir sind nicht /
gewesen“. Daraus spricht keine Verbitterung, sondern die
Aufforderung zur Zivilcourage, diese Hoffnung des „Fürchte
dich nicht / es blüht / hinter uns her.“
Hilde Domins
Gedichte sind nie hochkomplex oder metaphorisch verstiegen, bedürfen
aber einer aufmerksamen Annäherung durch den Leser, um die
Wirkung der vielfach geglückten Symbiosen von feinsinniger
Sprachästhetik und Engagement zu erspüren.
Auch bei
nach 'schwerer Besetzung' verlangenden Themen wie der Liebe zeigen
sich die hier zusammengestellten Gedichte meist knapp und
unprätentiös; sie begnügen sich mit fast ökonomischer
Bildhaftigkeit, erschließen aber gerade durch den Verzicht auf
adjektivischen Tand und Euphemisierungen ein umso eindringlicheres
poetisches Wahrnehmungsfeld: „Ich liege in deinen Armen / wie
in einem Schiff, / ohne Route noch Hafen / aber mit Delphinen am
Bug.“
Mit ihrem hohen Anspruch an Wahrhaftigkeit in der Selbstoffenbarung und einem trotz Flucht und Exil bewahrten Lebensmotiv der Hoffnung trotzen Hilde Domins Gedichte der Schwere des Lebens mit Leichtigkeit, „weil das Wunder immer geschieht“.
Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den
kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und
auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen
Papier.
Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein
oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.
Von: Werner Friebel
http://oxnzeam.de (Philosophische Schnipsel)